Seminar 2019: Lehre trennt – Spiritualität eint?

Das Thema des diesjährigen internationalen ökumenischen Sommerseminars, das das Institut für Ökumenische Forschung in Strasbourg vom 3. bis 10. Juli veranstaltete, lautete: „Lehre trennt – Spiritualität eint?“ In seinem Einführungsvortrag hat Prof. Dr. Theodor Dieter dargelegt, dass die These „Lehre trennt“ zugleich zutreffend und nicht zutreffend ist. Sie trifft nicht zu, wenn ökumenische Dialoge den trennenden Charakter von Differenzen überwunden haben und sie kirchlich rezipiert worden sind wie im Fall der Leuenberger Konkordie (1973) zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa. Die These trifft hingegen zu etwa im Fall der Ablehnung der eucharistischen Gastbereitschaft zwischen der römisch-katholischen Kirche und evangelischen Kirchen. Hier sehen viele Theologen und Kirchenleiter trennende Unterschiede in Lehre und Praxis. Und doch trifft gerade in dieser Frage die These, dass Lehre trennt, wiederum nicht zu, wenn man nämlich an viele Christenmenschen in den Kirchen denkt, die die Traditionen ihrer Kirchen vergessen haben und gar nicht verstehen können, warum ein gemeinsames Abendmahl nicht möglich sein sollte. Die Kirchen haben als Institutionen für eine große Zahl von Menschen viel an Bedeutung verloren; das gilt dann auch für ihre Lehren. Diese Lehren finden wenig Resonanz. Demgegenüber sind viele Formen von Spiritualität attraktiv geworden. Ein Slogan drückt das so aus: „Kirche ist out, Spiritualität ist in.“ Viele Christen übernehmen Praktiken von Spiritualität, die ursprünglich in anderen Kirchen beheimatet sind. So lohnt es sich zu fragen, ob und wie bestimmte Formen von Spiritualität Menschen aus verschiedenen Kirchen miteinander verbinden oder unter Umständen auch neue Gräben schaffen.

Prof. Dr. Corinna Dahlgrün (Jena) hat in ihrem Vortrag „Was ist Spiritualität?“ das weite und diffuse Feld dessen, was man „christliche Spiritualität“ nennen kann, strukturierend beschrieben: als Antwort auf den Ruf Gottes vom Doppelgebot der Liebe her, im Bezug des Einzelnen und der Gemeinschaft, mit der Aufgabe der Unterscheidung der Geister und der Bedeutung eines geistlichen Ratgebers. Sie hat anschließend verschiedene Formen der Gottsuche unterschieden.

Bischöfin Dr. Karin Johannesson (Uppsala, Schweden) hat sich mit einer bestimmten lutherischen Tradition, die gegenüber Fragen von Frömmigkeit und Spiritualität reserviert oder ablehnend ist, auseinandergesetzt. Sie hat die Herausforderung dieser Tradition durch Lehrerinnen und Lehrer des Karmeliterordens (Theresa von Avila, Johannes vom Kreuz und vor allem Thérèse von Lisieux, 1873-1897) dargestellt und gezeigt, wie diese helfen können, bestimmte theologische und geistliche Motive Martin Luthers wieder zu entdecken. So kommt es zu einer wechselseitigen Resonanz von Motiven Luthers und des Karmel. Bischöfin Johannesson hat erläutert, welche Bedeutung eine solche Begegnung für das postmoderne Schweden haben kann.

Prof. Dr. Asamoah-Gyadu (Legon, Ghana) sprach über “’Holy Spirit Poured Out on All Flesh’: Pentecostal/Charismatic Spirituality and Uniting Elements of African Churches”. Er skizzierte die Geschichte der Pfingstbewegung von ihren Anfängen und erläuterte dies aus biblischer Perspektive mit den Begriffen “Verheißung (des Heiligen Geistes)”, “Erfüllung” und “Erfahrung”. Hier spielen das Evangelium des Lukas und die Apostelgeschichte eine besondere Rolle, weil die Überzeugung besteht, dass die machtvollen Geist-Ereignisse, die in diesen Büchern geschildert werden, nicht auf die Zeit der Apostel begrenzt sind. Auch wenn die Pfingstbewegung im Lauf der Zeit zu einer Denomination (mit der Unterscheidung, wer dazu gehört und wer nicht) geworden ist, sollte sie zuerst in der Perspektive der Spiritualität gesehen werden, die sich in jeder Denomination finden kann, mit den Merkmalen einer Demokratisierung der Charismen, einer „oral theology“ und einem besonderen Sinn für Gemeinschaft. Viele Kirchen in Afrika teilen diese Spiritualität, ohne sich als pentekostal zu verstehen oder zu nennen. Darin liegt die verbindende Kraft dieser Spiritualität.

Prof. Dr. Etienne Vetö (Gregoriana, Rom) hat über die von Frankreich ausgehende, inzwischen in vielen Ländern tätige geistliche Bewegung des Chemin neuf gesprochen. In ihr verbinden sich auf interessante Weise zwei ganz unterschiedliche Formen von Spiritualität: die disziplinierte Form der geistlichen Übungen des Ignatius von Loyola und die eher spontane, impulsive Frömmigkeit der Charismatiker. Prof. Vetö legte dar, wie sich beide Formen befruchten und die Bewegung kraftvoll machen.

Eine andere Verbindung von Spiritualitäten legte Schwester Dr. Nicole Grochowina von der Christbruderschaft in Selbitz (Bayern) dar. Dieser evangelische Orden hat ein franziskanisches Gepräge und steht inzwischen in Gemeinschaft mit den franziskanischen Klöstern. Schwester Nicole erläuterte die Begegnung der Spiritualitäten mit dem Begriff der Freundschaft, der eine wechselseitige Bereicherung ohne Verlust der eigenen Identität anzeigt. Sie erläuterte, wie diese Freundschaft die Geschichte und das Profil ihres Ordens in kreativer Weise bestimmt.

Am Samstag sprach der weltweit anerkannte und geschätzte Geigenbauer Martin Schleske über das Thema „Geigenbau als Gebet der Hände – Das betende Leben als heilige Kunst“. Auf eine bewegende, sehr inspirierende Weise entwickelt eraus den Schritten des Geigenbaus, seinen eindringenden Beobachtungen und Reflexionen Einsichten in die menschliche Existenz und das geistliche Leben, über Stille, Hören, Resonanz, Klang, Schönheit, Freundschaft mit Jesus, Eintauchen in das biblische Wort, bis dahin, dass ihm das schöpferische Tun des Geigenbaus zum Gebet wird. In einem zweiten Teil hat Schleske den Dreiklang, von dem Paulus in Röm 15,18 spricht: Wort – Werk – Wunder, zum Ausgangspunkt genommen. Danach soll der Glaube zum Instrument der Gnade werden, damit die Gnade in der Welt wirken kann, so dass Heilloses heil und Krankes gesund wird. Es braucht dazu nach Markus 11,23 keinen großen Glauben, sondern einen Glauben, „der sich von der Gnade spielen lässt“. Glaube ist Empfänglichkeit für das Wirken der Gnade, Lauschen auf das, was die Gnade wirken will, Einswerden mit ihr. Das ist ein Weg nicht des Wissens, sondern des Erkennens, ein Weg, etwas zu wagen mit der Bereitschaft, enttäuscht zu werden und so zu lernen. Das ist eine Spiritualität, die jenes Jesus-Wort ernstnimmt.

Prof. Dr. Julie Ma (Korea/USA) hat die kraftvolle Ausbreitung der Pfingstbewegung in Asien an den Beispielen von Korea, Myanmar, Philippinen und Indien dargestellt. Sie ist charakterisiert durch die Betonung der Taufe im Heiligen Geist und eine intensive Erwartung übernatürlichen Eingreifens Gottes in Gestalt von Heilungen, durch Gebetsbewegungen (Gebet und Fasten, Gebetsberg in Korea), die Bildung von Netzwerken von kleinen geistlichen Gemeinschaften („Zellen“) und ein umfassendes soziales Engagement für die Notleidenden. Während die traditionellen Kirchen die Pfingstbewegung lange abgelehnt haben, werden sie nun auf Grund von deren starkem Wachstum ihrerseits von dieser Bewegung stark beeinflusst und öffnen sich ihr.

Rainer Harter, Gründer und Leiter des überkonfessionellen Gebetshauses in Freiburg, stellte dieses Haus, in dem 24 Stunden sieben Tage die Woche gebetet wird, vor. Er erläuterte den biblischen (von 1 Chr 16,4 bis Offb 4,8) und kirchengeschichtlichen Hintergrund (u.a. Cluny, Zinzendorf). Schwerpunkte sind die Intimität der Begegnung mit Gott, die Schönheit des Gebets, die Heiligung und die Einheit der Kirche. Das Gebetshaus strahlt aus auf die Kirchen und auf die Stadt. Es hat 140 Mitarbeiter, 30 davon sind angestellt; sie leben alle von Spenden. In Deutschland gibt es mehr als 20 solcher Gebetshäuser.

Dr. Anna Briskina-Müller (Halle-Wittenberg) hat aus orthodoxer Perspektive Aspekte, in denen orthodoxe und evangelische Theologie und Frömmigkeit konvergieren, dargestellt.

Frère Richard aus Taizé hat den „geistlichen Weg von Taizè“ anhand der Geschichte dieser Gemeinschaft erläutert. Nach Frère Roger gibt es keine Spiritualität und Theologie von Taizé; Taizé soll nicht eine Form neben oder gar in Konkurrenz zu anderen Formen sein. Wohl aber gibt es Spiritualität in Taizé; es ist wie eine Quelle, zu der Pilger kommen, um dann wieder weiter zu ziehen und in ihre Kirchen zurückzukehren. Die kurze Form der Gesänge hat sich anfangs als Notmaßnahme entwickelt angesichts der vielen vor allem jungen Menschen, die aus vielen verschiedenen Ländern kamen. Um sie nicht im Gottesdienst aus sprachlichen Gründen auszuschließen, musste man einfache Gesänge haben, die man wiederholt hat. Damit hat man alte Gebetsformen neu entdeckt. Schriftlesung und Gesänge sind die elementaren Formen; Versöhnung der christlichen Traditionen ist das Ziel.

Schließlich hat Pater Dr. Augustinus Sander OSB unter dem Titel „Das Stundengebet als ökumenische Chance“ in das Stundengebet als weit verbreitete Grundform des Betens eingeführt: als Beten in der Gegenwart Gottes, in der Hilfsbedürftigkeit des Beters, als trinitarische Wirklichkeit, als Gebet der Psalmenfrömmigkeit, als christozentrisches Gebet in der Osterwirklichkeit, als persönliches Gebet in Verbindung mit dem Gebet des Herrn. Ergänzt durch weitere Themen, die in Arbeitsgruppen erörtert wurden, wurde den Teilnehmern und Teilnehmerinnen am Seminar eine große Fülle von Elementen und Aspekten der Spiritualität vorgestellt, die sie herausforderten und anregten und über deren ökumenische Relevanz nachdenken ließen.

Der Sonntagsausflug ging nach Waldersbach, einem Dorf tief in den Bergen der Vogesen, wo Pfarrer Oberlin (1740 bis 1826) 59 (!) Jahre als Pfarrer wirkte: als Prediger und Bildungsreformer (Erfindung der Vorschulerziehung, faktisch Einführung der Schulpflicht in seinen Dörfern lange vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht), Pietist und Aufklärer, Wirtschaftsreformer und Förderer der medizinischen Versorgung, Experte in Physiognmik, Korrespondenz mit viele wichtigen Personen Europas. In der alten Kirche Pfarrer Oberlins haben wir Gottesdienst gehalten. Nach dem Mittagessen in einer Ferme Auberge ging es bei herrlichem Wetter auf den heiligen Berg des Elsass, den Odilienberg, mit wunderbarer Aussicht in das Rheintal. Es folgten eine ausgiebige Weinprobe und der Abschluss mit dem für die Gegend typischen Tarte-Flambée-Essen.

Das Seminar wurde mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Kirche St. Pierre-le-Jeune in Strasbourg abgeschlossen.