Harding Meyer (1928 – 2018)

Ein Nachruf von André Birmelé

Die weltweite ökumenische Bewegung verliert durch Harding Meyers Ableben am 1. Dezember dieses Jahres eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Harding Meyer war ein Vordenker und ein Pionier. Viele neuere Entwicklungen  weltweiter zwischenkirchlicher Verhältnisse  gehen auf ihn zurück. Wir verdanken ihm vieles.

Ursprünglich galt sein Interesse nicht der Ökumene. Er kam 1958 als Dozent an die lutherische Fakultät in San Leopoldo (Brasilien). Als gutem lutherischen Theologen ging es ihm um die Wahrheit. Noch vor dem Konzil kam es zu Gesprächen mit der dortigen starken katholischen Kirche, und dabei wurde Harding Meyer deutlich, dass das Bemühen um Wahrheit nicht von der Frage nach der Einheit der Kirche getrennt werden kann. Als er dann 1966 einem Ruf als Sekretär für ökumenische Fragen beim Lutherischen Weltbund in Genf folgte, konnte er dieser Überzeugung auf weltweiter Ebene entsprechen. Der erste internationale Dialog, an dem er teilnahm, war der internationale lutherisch-römisch katholische Dialog, der 1967 begann. Er wird diesen Dialog über 25 Jahre begleiten.

1971 wechselte er in das Institut für Ökumenische Forschung in Strasbourg. Der lutherische Weltbund hatte bei seiner Vollversammlung in Helsinki (1963) dieses Institut gegründet, um die weltweiten Dialoge der Lutheraner mit anderen Kirchen zu begleiten. Das Institut hatte am Anfang mancherlei Schwierigkeiten, und so oblag es Harding Meyer, ihm den nötigen Schwung zu geben. Schwerpunkte waren sowohl die Durchführung der Dialoge wie auch ein intensives Bemühen um das lutherische Erbe, da ja nur ein Dialogpartner, der seiner eigenen Identität bewusst ist, einen Dialog führen kann, der sich nicht mit Kompromissen zufrieden gibt, sondern stets zielbewusst die Einheit der weltweiten Kirche im Auge hat.

Aufgrund seiner bereits großen Erfahrung träumte er von einem Institut, in dem lutherische Forscher aus den verschiedensten Ländern dieser Welt in ihrer Verschiedenheit zusammen arbeiten. Dabei sollten diese Vertreter jeweils einen Dialog mit einer anderen christlichen Familie führen und zugleich die Region, aus der sie kamen, nie aus den Augen verlieren. Dies war mit vielen Reisen, Vorträgen und Lehraufträgen in den verschiedensten Kontinenten verbunden. Er verwirklichte diesen Traum und trug dazu bei, dass dieses Institut international Beachtung erfuhr und bis heute erfährt. Nationale Theologien und kirchliche Verwaltungen in den einzelnen Ländern waren für ihn ein viel zu enger Rahmen. Er war darauf bedacht, dass nicht nur eine Weise, Kirche zu sein, im Institut zur Sprache kommt. Auch dies setzte er um, indem er im Institut eine alle zwei Jahre rotierende Geschäftsführung einsetzte. So blieb dieses wichtige Instrument weltoffen, ohne zu einer bürokratischen Verwaltungsstelle zu werden. Harding Meyer übernahm regelmäßig die zweijährige Leitung, freute sich aber auch darüber, wenn ein Kollege aus Eritrea, Indonesien, Finnland oder den USA ihn in diesem Dienst ablöste. So setzte er im Institut eines seiner Grundanliegen um: Einheit in Verschiedenheit! Nicht nur im Dialog mit anderen Kirchen, sondern zunächst innerhalb des Luthertums.

Die vielfältigen Tätigkeiten Harding Meyers, seine zahlreichen Publikationen und die Impulse, die von ihm ausgingen, sind so weitreichend und zahlreich, dass sie nicht im Einzelnen erwähnt werden können. Zwei davon, die eine besondere, ja epochale Bedeutung haben, sollen jedoch angesprochen werden.

1. Der Dialog mit Rom

Wie bereits erwähnt, war Harding Meyer von Anfang an am internationalen lutherisch-katholischen Dialog beteiligt. Er war der lutherische Experte. Bereits in seinem ersten Bericht (1972) stellte der Dialog einen weitreichenden Konsens im Heilsverständnis fest. Dieser sollte nun im Verständnis des Herrenmahls (1978) verifiziert werden. Dabei wurde wiederum festgestellt, dass ein Grundkonsens im Eucharistieverständnis vorliegt und nur die Amtsfrage ein bleibendes Hindernis darstellt. So widmete sich der weitere Dialog der Amtsfrage. Dass hier noch unbewältigte Fragen vorliegen, wurde im Bericht von 1981 bestätigt. Harding Meyer war der Überzeugung, dass nun ein offizieller Schritt der höchsten kirchlichen Instanzen nötig sei, um diese Ergebnisse zu rezipieren. Sein erster Vorschlag mit dem Titel „Einheit vor uns“ wurde jedoch abgelehnt. Daraufhin übernahm er einen Vorschlag aus den USA, eine Erklärung auszuarbeiten, in der der Grundkonsens im Heilsverständnis ausgesagt und die gegenseitigen Verurteilungen, die in diesem Bereich im 16. Jahrhundert erfolgt waren, für die jeweiligen Kirchen durch deren höchste Instanzen offiziell aufgehoben werden sollten. Daraus ergab sich die GE (Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre), die 1999 vom Vatikan und den Kirchen des lutherischen Weltbundes unterschrieben wurde. Diese höchst bedeutende Erklärung ist bis heute die einzige Erklärung, die Rom mit einer durch die Reformation geprägten Kirche unterschrieben hat. Harding Meyer hat die erste Fassung dieser Erklärung geschrieben. Er leitete damit einen Prozess ein. Dieser erste Entwurf wurde weitgehend überarbeitet, und das Projekt wurde nach der Emeritierung von Harding Meyer durch andere, insbesondere seinen Strasbourger Nachfolger Theodor Dieter, weitergeführt. Harding Meyer hat den Prozess jedoch stets, wenn auch nun mit einem gewissen Abstand, begleitet. Dabei spielten auch seine vielen persönlichen Beziehungen eine wichtige Rolle, z.B. sein gutes Verhältnis zu Kardinal Lehmann und nicht zuletzt zu Papst Johannes Paul II., von dem er in Privataudienzen empfangen wurde. Die GE ist ein bedeutendes Ergebnis der neueren ökumenischen Bemühungen. Sie geht weitgehend auf Vorarbeiten von Harding Meyer zurück.

2. Der zweite epochale Beitrag Harding Meyers, den es hier zu erwähnen gilt, ist eher methodologischer Art. Wenn man einen Dialog führt, betritt man Neuland. Man muss, neben den Sachfragen, auch das Ziel bestimmen und die Wege, die dahin führen. Auch hier geht vieles auf Harding Meyer zurück. Er prägte insbesondere zwei Formulierungen, die heute weltweit gebraucht werden, ohne dass man sich immer ihres Autors bewusst ist.

Die erste Formulierung betrifft das Einheitsmodell. Harding Meyer plädierte für eine „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. Die Einheit als Uniformität zu verstehen war ihm total fremd. Die Verschiedenheit ist wesentlich auch für das kirchliche Leben. Das Problem liegt im trennenden Charakter der Verschiedenheit. Diesen gilt es zu überwinden. Das ist das Ziel des Dialogs. Der Dialog hat dann sein Ziel erreicht, wenn die Verschiedenheiten versöhnt sind, d.h. als legitimer Ausdruck des gleichen Evangeliums angesehen werden. Beispiel dafür sind die vier Evangelien in der Heiligen Schrift. Sie sind verschieden, setzen andere Akzente und stimmen doch in der Grundaussage überein. Dies sollte, so Harding Meyer, der Weg sein, auf welchem sich die großen christlichen Familien versöhnen, ohne dabei ihre geschichtlich gewachsene Identität aufzugeben. Diese Vision war nicht die des Ökumenischen Rates der Kirchen, und es kam zu manch schwierigen Gesprächen im Strasbourger Institut, insbesondere mit Lukas Vischer, dem Leiter von Glaube und Kirchenverfassung im ÖRK. Der Ansatz von Harding Meyer hat sich letztlich durchgesetzt, wie es nicht nur die GE, sondern viele andere ökumenische Entwicklungen belegen.

Die zweite Formulierung, die auf Harding Meyer zurückgeht und dann weltweit übernommen wurde, ist der „differenzierte Konsens“. Er hängt eng mit der „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ zusammen. Wenn Einheit keine Uniformität ist, dann muss auch der Konsens, der solch eine Einheit herbeiführt, zu dieser Einheit passen und darf ihr nicht widersprechen. Daher muss der Konsens die bleibenden legitimen Unterschiede nicht nur im Stillen dulden, sondern er muss sie ausdrücklich als versöhnte und nicht trennende Verschiedenheiten benennen und umschließen. In diesem Sinne muss der Konsens in sich selbst differenziert sein. Auch hier ist das beste Beispiel die GE. Sie macht deutlich, dass es einen Konsens in der Rechtfertigungslehre gibt und dass die gleiche Grundwahrheit durch die verschiedenen Partner auf verschiedene Weisen ausgesagt wird. Da der Ausdruck  „differenzierter Konsens“ an verschiedenen Orten falsch ausgelegt wird in dem Sinne, dass der Konsens als mehr oder weniger voll bewertet wird, ziehen wir es heute vor, von einem „differenzierenden Konsens“  zu sprechen. Auf diese Weise kommt noch besser zum Ausdruck, was Harding Meyer meinte und was heute viele zwischenkirchliche Dialoge bestimmt.

Interessant ist die Tatsache, dass auch die Zivilgesellschaft sich diesen Ausdruck angeeignet hat. Der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission Jacques Delors besuchte Harding Meyer im Strasbourger Institut und wollte diesen Ansatz verstehen. Die Redeweise ist heute nicht nur in Strasbourg, sondern auch in Brüssel angekommen.

Fest im christlichen Glauben verwurzelt und in der Treue zum lutherischen Erbe hat sich Harding Meyer stets für die Einheit der Kirche eingesetzt. Es ging ihm aber wie Mose auf dem Berg Nebo. Er hat aus der Ferne das gelobte Land der Einheit gesehen, aber noch nicht betreten dürfen. Er konnte aber vieles umsetzen und uns allen wichtige Orientierungen geben. Als seine Kollegen und Nachfolger fühlen wir uns seinen Ansätzen verpflichtet und sind bestrebt, den Weg weiterzugehen, den er eröffnet hat.

Harding Meyer verstarb in der Nacht zum Ersten Advent. Ein Licht geht auf, wir sind auf dem Weg, dem Herrn entgegen. Harding Meyer ist bereits angekommen. Er sieht nun in Fülle, was wir nur ansatzweise sehen in können.

Danke, Harding!

Zum Herunterladen: Kurzbiographie Harding Meyer

Foto: D. zur Nedden