49. Internationales Ökumenisches Seminar 2015: Kunst und Ökumene

Die Trennung der Christen ist in ihren Institutionen und am Altar sichtbar. Die getrennten Christen singen jedoch dem dreieinigen Gott dieselben Lobgesänge; sie lassen sich von denselben wunderbaren Kathedralen und Kirchen inspirieren, die bereits vor ihrer Trennung existierten; sie lassen sich durch dieselben Ikonen, Gemälde und Skulpturen biblischer Szenen bewegen; und sie lesen dieselben Romane und sehen sich dieselben Filme an, die die Bedeutung des christlichen Glaubens aufgreifen. Ob wir es erkennen oder nicht, es besteht unter den Christen eine große Einheit in der Kunst.

Diese bisher wenig erforschte Einheit in der Kunst war das Thema des Sommerseminars im Juli. Nach einer Einführung in die Problematik und die Möglichkeiten der Kunst durch den Direktor des Instituts, Prof. Dr. Theodor Dieter, hörten wir eine Darstellung über die Psalmen, die zur ältesten Literatur von Juden und Christen gehören. Prof. Dr. Mark Elliott von der St. Andrew’s Universität in Schottland führte uns auf dieser Reise durch die Geschichte der Verwendung der Psalmen in verschiedenen christlichen Gemeinschaften.

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Auf seinen Vortrag folgte das Referat von Prof. Dr. Matthew Milliner vom Wheaton College in den USA zum Thema „Ökumene in bildender Kunst“. Als Kunsthistoriker beschrieb Milliner mehrere christliche Themen in der bildenden Kunst, die über konfessionelle Trennungen hinausgehen. Dies zeigte er am eindrucksvollsten an der Passionsikone von der Jungfrau Maria. Sie stammt aus Zypern und entstand in der schweren Zeit der Verwüstungen durch die Kreuzzüge und fand dann allmählich ihren Weg in den Westen.

Am Freitagmorgen entwickelte Prof. Dr. Ottmar Fuchs eine weit reichende theologische Reflexion über Gericht und Gnade, ausgehend von dem Film „Die Frau, die singt“. Dieser Film nimmt das Theaterstück „Verbrennungen“ des libanesischen Dichters Wajdi Mouawad auf. Vor dem Hintergrund unvorstellbarer Gräueltaten im libanesischen Bürgerkrieg stellt der Film die Frage nach einer allumfassenden Vergebung trotz schärfster Anklage des Verbrechers.

Prof. Sooi Ling Tan, die an drei Hochschulen in Malaysia sowie am Fuller Seminary in den USA lehrt, gab uns eine Übersicht über die Geschichte moderner populärer christlicher Musik. Dies ist eine der erfolgreichsten Kunstformen aller Zeiten, die Konfessionsgrenzen überschreitet. Das Referat bot Gelegenheit zum Hören moderner christlicher Musik und zum Mitsingen.

Passend zum Thema „Kunst und Ökumene“ unternahmen wir eine „Exkursion“ zu dem großen, wunderschönen Münster in Strasbourg. Wir hatten die Ehre, eine Führung von Erzbischof em. Joseph Doré zu erhalten. Er kennt das Münster sehr gut und hat bedeutende Werke darüber geschrieben. Er zeichnete für uns somit ein theologisches Porträt einer erstaunlichen Kirche.

Prof. Dr. Meinrad Walter, ein katholischer Spezialist für Johann Sebastian Bach, sprach am Samstagmorgen. Er illustrierte die vielen überraschenden Weisen, wie das Werk des großen Komponisten eine frühe „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ darstellt, indem es Themen zusammenbringt, die über die Trennungen zwischen Katholiken und Protestanten im 18. Jahrhundert hinausgehen. Die Teilnehmenden hatten auch die Gelegenheit, in einer Strasbourger Kirche die begeisternde Aufführung von zwei Bach-Kantaten zu hören.

An einem Abend wurde der Film „All Is Lost“ gezeigt. Es ist die Geschichte – fast ohne Worte – eines Mannes, der allein in größter und sich steigernder Seenot auf hoher See treibt – und schließlich gerettet wird. Am Montag sprach Prof. Dr. Hans Martin Dober über Filme aus theologischer und ökumenischer Perspektive und baute auf die geheimnisvollen Themen  von Schicksal und Gegenwart in „All Is Lost“ auf.

Die Seminarteilnehmer hörten ferner einen orthodoxen Beitrag von Emanuel Dobre, einem Doktoranden an der Universität Strasbourg. Er untersuchte die Art und Weise, wie Schrift und Ikonen dasselbe Zielverfolgen – Christus den Gläubigen gegenwärtig zu machen.

Prof. Sarah Hinlicky Wilson vom Institut sprach über die bekannte katholische amerikanische Schriftstellerin Flannery O’Connor. In ihren dunklen und beunruhigenden Geschichten geht es fast immer um Protestanten, trotz ihres starken und brennenden katholischen Engagements. Die Briefe O’Connors zeigen auch ihre komplexen und sich verändernden Meinungen über verschiedene christliche Gruppen und veranschaulichen viele der Grundeinsichten der Ökumene.

Am letzten Tag erörterte Prof. Theodor Dieter die ökumenische Bedeutung der Tatsache, dass sich im neuen deutschen katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ zahlreiche Lieder lutherischer Autoren finden. Dazu untersuchte er zwei Lieder Martin Luthers („Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, „Vom Himmel hoch, da komm ich her“) und ein Lied des lutherischen Pfarrers Paul Gerhardt („Die güldne Sonne“). Dabei wurde deutlich, wie der Ausgang von einem Psalmtext oder die Konzentration auf die Person Christi oder die Aufnahme einer menschlichen Grundsituation (das religiöse Wahrnehmen des  Tagesbeginns) es ermöglichen, überkonfessionelle Gemeinsamkeiten herzustellen. Dazu trägt auch bei, dass die Poesie es ermöglicht, Theologie in prägnanter und eingängiger Weise darzustellen.

Ein Highlight des Seminars war das „ökumenische Singen“, bei dem die Gruppe unter der Leitung der Teilnehmer Ruth und John Rollefson beliebte christliche Lieder aus der ganzen Welt und über alle konfessionellen Grenzen hinweg sang.

Der abschließende Vortrag von Jérôme Cottin von der Fakultät für evangelische Theologie der Universität Strasbourg brachte die vielen verschiedenen Themen des Seminars zusammen, indem er typische konfessionelle Werke von Protestanten und Katholiken betrachtete. Er zeigt dann Werke moderner christlicher Künstler, die ihre konfessionelle Zugehörigkeit bewusst herunterspielen und einen eher abstrakten Kunststil wählen, um Grenzen zu überqueren.

Außerdem hörten wir viele Kurzreferate von Teilnehmern über verschiedene Themen, von Musik, zur Malerei bis zum Theater. Der Sonntagsausflug führte uns zu dem wunderbaren Isenheimer Altar in Colmar sowie zu einer renovierten, von einem Graffiti-Künstler gestalteten katholischen Kirche in Deutschland. Darauf folgte eine Weinprobe und Flammenkuchen.

Das Seminar war unerwarteterweise gekennzeichnet durch eine unglaubliche Hitzewelle, aber gleichzeitig auch durch eine außerordentlich positive und freundliche Stimmung, insbesondere bei dem „Chor-Wettbewerb“ am zweiten Abend des Seminars. Der Stab freute sich über die Teilnahme von Personen aus 21 Ländern und 6 verschiedenen Kirchen.

Die Daten für das nächstjährige Seminar sind 4.- 11. Juli 2016. Das Thema ist der lutherisch/römisch-katholische Dialog zu Ehren des 65. Geburtstags von Prof. Dr. Theodor Dieter. Halten Sie das Datum schon jetzt in Ihrem Kalender fest!

Bilder vom Seminar: 

 

Wunderschöne Bilder, die uns Pfarrer Hans-Joachim Jeromin freundlicherweise zur Verfügung stellt: Bilder aus der Dropbox